top of page
logo-ahrend-rechteckig.png

Seit 1954 in Leer

GESCHICHTE

Von den Anfängen in Leer
Zwei Orgelbauer und eine Bodenkammer

Als Jürgen Ahrend und Gerhard Brunzema 1954 ihre eigene Werkstatt gründeten, fehlte es ihnen nicht an Ideen, wohl aber an Kapital. Als erstes Domizil diente eine aufgegebene Landmaschinenwerkstatt in der Leeraner Großstraße, wo die beiden Jungunternehmer gemeinsam eine Bodenkammer bewohnten, in der im Winter gelegentlich das Wasser in der Waschschüssel gefror. Der Weg nach oben begann unter bescheidenen Verhältnissen.

​

Kennengelernt hatten sie sich bei Paul Ott in Göttingen, wo Jürgen Ahrend 1946 seine Ausbildung begonnen hatte. Der 1930 geborene Sohn einer musikalischen Familie wäre wohl auch für ein Studium zu begeistern gewesen, doch dafür fehlten nach dem Krieg die Mittel. Seine Mutter empfahl ihm deshalb den Orgelbau als ein solides und vielseitiges Handwerk, bei dem auch die künstlerischen Interessen nicht zu kurz kommen mussten.

​

Bei Ott traf er auf Gerhard Brunzema aus Emden, mit dem ihn bald die Neugier auf historische Orgeln verband. Beide wollten verstehen, wie diese Instrumente gebaut waren, und weshalb sie so überzeugend klangen. Auch musikalisch ergänzten sie sich. Denn während Brunzema Orgel spielte, widmete sich Ahrend der Travers- und Blockflöte.

​

Auf einem zusammengesparten Motorrad machten sie sich auf den Weg, andere Werkstätten und Instrumente kennenzulernen. Als sie unangemeldet bei Metzler in der Schweiz erschienen, verabredete man sich zunächst für den Abend – und diskutierte schließlich bis zum Frühstück auf dem Werkstattdach. Bei Marcussen in Dänemark empfing der erkrankte Firmenchef die beiden Frühaufsteher sogar im Morgenmantel, ließ es sich aber nicht nehmen, ihnen seine Werkstatt zu zeigen.

​

Aus diesen Reisen entstanden Verbindungen, die weit über die Lehrjahre hinausreichen sollten. Besonders wichtig wurde die Bekanntschaft mit dem Groninger Organisten und Orgelforscher Cornelius H. Edskes, mit dem Ahrend und Brunzema das Interesse an einem Restaurierungskonzept teilten, das den alten Instrumenten in ihrer Eigenart gerecht werden sollte.

Jürgen ca 1954.jpg

»Es sind genügend Orgelbauer in der Gegend.«

Jürgen Melbourne 1979.jpg

Die Absicht, eine eigene Werkstatt zu eröffnen, stieß keineswegs überall auf Zustimmung. Manche Organisten und Sachverständige hielten einen weiteren Betrieb schlicht für überflüssig, während andere es vermessen fanden, eine angesehene Firma wie die von Paul Ott zu verlassen.

​

Ahrend und Brunzema ließen sich davon nicht abhalten und entschieden sich bewusst für Leer (auch nachdem Brunzema aus dem nahen Emden stammte): Die historischen Orgeln Ostfrieslands und der benachbarten Provinz Groningen boten reichlich Gelegenheit zum weiteren Studium. Zugleich warteten viele von ihnen auf eine sorgfältige Restaurierung.

​

Neben skeptischen Ratgebern fanden sich glücklicherweise auch Menschen, die praktische Unterstützung leisteten. So stellte der Organist und Jurist Gordon Jeffery den jungen Unternehmern einen VW zu großzügigen Zahlungsbedingungen zur Verfügung und gab ihnen einen Rat mit auf den Weg, der sich als ebenso brauchbar erweisen sollte wie manche handwerkliche Fertigkeit: Lieferanten müsse man immer bezahlen, und gegenüber der Bank sei Vertrauen die wichtigste Grundlage.

​

Zu den ersten Aufträgen gehörten kleine Neubauten sowie Restaurierungen in Larrelt und Uttum, bei denen sich die gründlichen Studien nun bewährten. »Wir haben versucht, alles richtig zu machen«, fasste Jürgen Ahrend die damalige Haltung später zusammen – und die Ergebnisse fanden rasch Beachtung.

Die Pfeifen selbst in der Hand

Mit der Einrichtung einer eigenen Pfeifenwerkstatt im Jahr 1955 gelang ein entscheidender Schritt. Wer den Klang einer Orgel gestalten wollte, sollte auch ihre eigentlichen Klangkörper selbst herstellen können; dafür reichten die engen Räume in der Großstraße allerdings nicht aus. Der Pfeifenbau zog deshalb zunächst in eine ehemalige Fahrzeuglackiererei in der Brummelburgstraße.

​

Da es sowohl an Geräten als auch an Erfahrung fehlte, verlief der Anfang nicht ohne Schwierigkeiten. Die ersten Versuche, Metall auf Sand zu gießen, verliefen buchstäblich im Sande, was Cor Edskes zu der Bemerkung veranlasste: »Für eine Mixturpfeife reicht das aus.« Bessere Ergebnisse brachte der Guss auf Tuch, und eine günstig erworbene Hobelmaschine der Firma Rohlfing eröffnete weitere Möglichkeiten, das Pfeifenmetall gezielt zu bearbeiten.

​

Die eigene Pfeifenherstellung wurde zum Durchbruch, denn nun lagen die wesentlichen Schritte von der Materialverarbeitung bis zur klanglichen Gestaltung in der Hand der Werkstatt – für einen kleinen Betrieb keineswegs eine Selbstverständlichkeit.

​

Mit den Aufträgen wuchs auch die Belegschaft, sodass bald erneut mehr Platz gebraucht wurde. Ab 1958 entstand in mehreren Bauabschnitten die Werkstatt am Mühlenweg in Leer-Loga, wo sich in hellen, ebenerdigen Räumen arbeiten ließ und Jürgen Ahrend nebenan sein Zuhause einrichtete.

​

Neubauten für Scheveningen, Aurich und Bremen-St. Martini machten die Arbeit über die Region hinaus bekannt und brachten Aufträge aus ganz Deutschland, den Niederlanden und Österreich. Als Ahrend & Brunzema 1962 den Niedersächsischen Staatspreis für Handwerkskunst erhielten, war dies eine bemerkenswerte Anerkennung für eine Werkstatt, deren Gründung noch keine zehn Jahre zurücklag.

IMG_7553.jpeg

Alte Musik, neue Wege

IMG_2446.jpeg

Die Entwicklung der Firma war eng mit Begegnungen verbunden, bei denen Musiker und Orgelbauer gemeinsam nach neuen Zugängen zur Alten Musik suchten. Der Bremer Cembalobauer Martin Skowroneck brachte Ahrend und Brunzema mit Nikolaus Harnoncourt zusammen, in dessen Wiener Wohnung sie eine desolate Orgel wieder herrichteten. Durch den österreichischen Orgelsachverständigen Egon Krauss entstanden weitere Verbindungen, aus denen später bedeutende Restaurierungsaufträge hervorgingen, darunter die Arbeiten an der Ebert-Orgel in der Innsbrucker Hofkirche.

​

Auch Gustav Leonhardt wurde zu einem wichtigen musikalischen Gegenüber. Solche Freundschaften verbanden die Werkstatt mit einer Aufführungspraxis, die historische Instrumente nicht allein bewunderte, sondern ihre musikalischen Möglichkeiten wieder entdecken wollte.

​

Innerhalb der Werkstatt entwickelten sich unterdessen unterschiedliche Vorstellungen. Während Gerhard Brunzema den traditionellen Orgelbau stärker in einem zeitgemäßen, sachlichen Gewand präsentieren wollte, bevorzugte Jürgen Ahrend auch bei Neubauten die Formen und Gestaltungsweisen des 17. und 18. Jahrhunderts. Mit der Zeit zeigte sich, dass diese Unterschiede über das äußere Erscheinungsbild der Instrumente hinausgingen.

​

1971 trennten sich ihre beruflichen Wege schließlich. Brunzema ging nach Kanada, wo er zunächst bei Casavant und später in einer eigenen Werkstatt arbeitete, während Jürgen Ahrend den Betrieb in Leer mit der bestehenden Belegschaft weiterführte. Wie sehr die Mitarbeiter in dieser Zeit um die Zukunft der gemeinsamen Arbeit bangten, zeigt eine Bitte, an die sich Hermann Schmidt später erinnerte: »Herr Ahrend, lassen Sie uns hier nicht im Stich!«

Von alten Meistern lernen

Unter Jürgen Ahrends Leitung wurde das genaue Studium historischer Orgeln noch stärker zur Grundlage der Arbeit. Die gewonnenen Erkenntnisse sollten dabei sinnvoll angewandt werden, denn auch die alten Meister hatten nicht für jede Aufgabe die beste Lösung gefunden.

​

Bei der Restaurierung der Schnitger-Orgel in der Groninger Martinikerk zeigte sich beispielsweise, dass großen historischen Pfeifen zusätzlich stabilisiert werden mussten. Der Respekt vor Schnitger stand einer solchen Maßnahme keineswegs entgegen; ein berühmter Name bewahrt schließlich auch Metall nicht vor dem Einknicken.

​

Die Restaurierungen in Groningen, in der Hamburger Jacobikirche und im Dom zu Trondheim festigten den internationalen Ruf der Werkstatt, während zugleich neue Orgeln für Auftraggeber weit über Europa hinaus entstanden. Auf die gelegentlich gestellte Frage, ob man in Leer denn nur norddeutschen Barock könne, gaben die Instrumente selbst die überzeugendste Antwort.

​

Kennzeichnend blieb die Bereitschaft, das eigene Vorgehen immer wieder zu hinterfragen und auch einen bedeutenden Auftrag abzulehnen, wenn sich die damit verbundenen Erwartungen nicht mit den eigenen Überzeugungen vereinbaren ließen. Die Verantwortung gegenüber einem Instrument wog für Jürgen Ahrend schwerer als der Wunsch, bei jedem großen Projekt dabei zu sein.

Jürgen 1954.jpg

Dem »Chef sin Söhn« auf eigenen Wegen

Jürgen und Hendrik Tokio 1997.jpg

Dass Hendrik Ahrend die Werkstatt einmal übernehmen würde, war keineswegs von Anfang an ausgemacht. Nach dem Abitur 1983 arbeitete er zunächst im väterlichen Betrieb und absolvierte anschließend eine Orgelbaulehre bei Johannes Rohlf, bevor er mit einem Studium der Amerikanistik und Sportwissenschaft eine andere Richtung einschlug.

​

Der Weg aus der Werkstatt hinaus führte schließlich mit einem weiteren Blick wieder hinein. Besonders die Denkmalpflege und die Intonation beschäftigten ihn zunehmend, sodass er ab der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre anspruchsvolle Aufgaben übernahm, darunter die Intonation der neuen Orgel für die Musikhochschule Stuttgart und der Labialpfeifen in Dornum.

​

Auf die Meisterprüfung im Jahr 2000 folgten weitere Arbeit bei Rohlf und die Intonation der Orgel in der Leeraner Lutherkirche. Den Internationalen Arp-Schnitger-Preis, mit dem er 2004 ausgezeichnet wurde, verstand Hendrik Ahrend vor allem als Ermunterung, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen.

​

Im Februar 2005 übergab Jürgen Ahrend die Werkstatt an seinen Sohn, der die Verantwortung mit einem eigenen Blick auf das Handwerk übernahm. Geprägt war dieser von der Erfahrung des Vaters, zugleich aber auch von anderen musikalischen Interessen, unter denen die Folkmusik und die Mandoline seit Langem ihren Platz hatten. Die Kultur braucht die Subkultur schließlich wie eine ausgewachsene Orgel den Subbass.

Eine Werkstatt, die weiterfragt

Unter Hendrik Ahrend bleibt die eigene Pfeifenherstellung ein Kern der Arbeit, verbunden mit dem bewussten Blick über das eigene Fach hinaus. Hochqualifizierte Mitarbeiter, die Erfahrungen aus anderen Gewerken mitbringen, helfen dabei, eingespielte Verfahren neu zu betrachten – Betriebsblindheit ist schließlich keine handwerkliche Tugend.

​

Bei Restaurierungen verbindet sich die Schonung historischer Substanz mit dem Anspruch, ein überzeugend klingendes und zuverlässig spielbares Instrument zu erhalten. Beschädigungen werden deshalb nicht kurzerhand zum historischen Klangideal erklärt; mit bloßen »Ruinen im Mondschein« (C. Edskes) hat man sich im Hause Ahrend nie zufrieden gegeben.

​

Eine alte Orgel darf ihre Eigenheiten und Grenzen behalten und wird auch nach einer Restaurierung nicht wie eine neue klingen – glücklicherweise. Dennoch verlangt jede Aufgabe eigene Entscheidungen, die sich weder aus Jahreszahlen noch aus berühmten Vorbildern allein ableiten lassen.

​

Diese Haltung verbindet die Generationen der Werkstatt: genau hinzusehen, aufmerksam zuzuhören und vermeintliche Gewissheiten zu prüfen. Getragen wird sie von Mitarbeitern, deren Erfahrung oft über Jahrzehnte gewachsen ist, ebenso wie vom Austausch mit Musikern, Sachverständigen und Auftraggebern. So entsteht aus der Beschäftigung mit alten Instrumenten immer wieder etwas Neues.

IMG_7360.jpeg

Die dritte Generation

IMG_6759.jpeg

Inzwischen zeichnet sich auch die Zukunft ab. Mit Paul Ahrend, dem Sohn von Hendrik, steht die dritte Generation der Familie bereit, die Geschichte der Werkstatt fortzuschreiben.

​

Nach seiner Ausbildung bei der Orgelbauwerkstatt Wegscheider in Dresden und einem anschließenden Aufenthalt bei Karl Nelson in Schweden ist er in den väterlichen Betrieb zurückgekehrt und steht kurz vor der Meisterprüfung. Gerade in einer Zeit, in der sich auch das Orgelbauhandwerk erheblichen Veränderungen gegenübersieht, soll der hohe Qualitätsanspruch, der die Arbeit der Werkstatt seit ihrer Gründung prägt, unverändert Maßstab bleiben. Dabei geht nicht allein darum, eine große Tradition zu bewahren, sondern sie mit eigenen Erfahrungen und Ideen weiterzuführen.

​

Der Generationswechsel wird mit Bedacht vorbereitet, damit Erfahrung und Wissen weitergegeben werden können, ohne dass dabei die Offenheit für neue Erkenntnisse verloren geht. Denn bei aller Veränderung soll eines auch in Zukunft selbstverständlich bleiben: Wo Ahrend drauf steht, muss auch Ahrend drin sein.

IMG_7884.jpg
bottom of page